Ich
sollte es „Das Tagebuch des traurigen Optimisten“ nennen, denn
würde eines Tages ein zufälliger Finder dieses Notizheft in die
Hände bekommen, würde er beim Lesen nur einen Haufen aus emotional
angebrochenem und aufgehäuftem Schutt vorfinden. So bin ich gar
nicht. Jedenfalls nicht immer. „Bildliche Vergleiche verkünsteln
des Autors Lyrik und werten sie damit auf.“ So oder so ähnlich
meinte eine Lehrerin damals noch zu Schulzeiten zu uns, also male ich
eben einen Vergleich mit der Sonnenblume. Die wendet ihr Gesicht
stets fröhlich leuchtend der Sonne zu, eine gnadenlose Optimistin
und Frohnatur, könnte man meinen. Von außen betrachtet zumindest.
Aber immer kann´s nicht schön sein. Also was dann? Sie beugt ihre
Blütenblätter nach innen, versteckt sich hinter ihnen und wartet ab
bis die Tränen des Himmels an ihr herab geflossen und abgeperlt
sind. Bis die Sonne wieder scheint und sie ihre Frohnatur von neuem
zur Schau stellt, als wäre nichts gewesen. Denn so kennt man sie..
..und übrigens:
..oder welche Postkarte zeigt schon verwelkte Sonnenblumen?
Da
hilft kein Bitten und kein Flehen, kein Weinen und Schreien. Sie
parodieren auf und ab, bewaffnet mit Schildern auf welchen die
absurdesten Sprüche prangen für die sie wohl besonders tief in den
verstaubten Kisten des Unterbewusstseins gegraben haben. Und
dazwischen tauchen immer wieder Lückenfüller wie: Angst,
Depression, Wahn, Einsamkeit, schlechtes Gewissen, Familie und so
weiter, auf. Und schon arbeitet der Kopf auf Hochtouren und gibt dem
Sandmann keine Chance sich zwischen all den im Circle Pit rennenden,
gegen Schlaf protestierenden Demonstranten zu einem durch zu kämpfen
um einen mit seinem K.O. Sand in´s erholsame Land der Träume zu
befördern.
Lasst mich in Ruhe! Hört Ihr nicht? Ich will Euch
nicht, will nichts sehen, nichts hören, nicht lesen was auf Euren
bescheuerten Schildern steht, nicht fühlen wie sich Tränen ihren
Weg die Wangen herunter bahnen und nicht schmecken, wie ihr Salz
langsam über meine Lippen läuft. Ich verzichte!
Aber egal was
ich sage, wie oft ich meine Wut in´s Kissen schreie und wie
starrsinnig ich mir versuche andere Gedanken einzureden – ich
verliere.
..und übrigens: Braucht
der Geist die Traurigkeit um sich wieder nach den schönen Zeiten
sehnen zu können?
Immer
erst dann. Klappe zu, Affe tot. Und hinter den dicken Mauern seh´
ich mein Leben dahinfließen, ohne mich. Es fließt vorbei und ich
sitze am Fenster und sage zu mir „ich hab´s Dir ja gesagt.“, Ja
hab´ ich – aber wer ändert schon etwas bevor´s wirklich zu spät
ist? Schnell die weiße Pille, bevor ich wieder sentimental werde.
Aber sie hat´s nicht gebracht. Ich bin trotzdem hier. Ich höre Dich
schreien. Höre Dich weinen, sehe Dich vor lauter Verzweiflung, Wut
und Hilflosigkeit das Essgeschirr auf dem Küchenboden zerschmettern.
Meine Augen haben gesehen, meine Ohren gehört, mein Körper zittert.
Es ist nicht richtig, das ist nicht in Ordnung, nein, nicht
Du!
Vergangenes. Doch vor meinen Augen so präsent wie
gestern. Und ich zittere noch immer. Aber jetzt bin ich ja hier.
Man sagt zu mir, dass es das Richtige war, nur, wenn die Mauern zu
Flüstern beginnen „lauf weg, renn..hilf ihm!“ wie soll ich denen
dann Glauben schenken? Vor den Fenstern wiegt sich ein Baum im Wind.
Ich darf gehen wann immer ich will, sagen sie. Wenn ich auf den Ast
klettere rücken sicher gleich die Weißmäntel an, unnötige
Aufregung. Es ist spät – aber noch nicht zu spät.
Und
schon kriecht die Angst wieder in mir herauf, bahnt sich ihren Weg
vom Gehirn in meinen Körper und schnürt mir die Kehle zu. Ich weiß
da ist nichts. Sie sagen das auch, ich solle ruhig atmen und mich der
Dunkelheit stellen, mit ihr sprechen. Ich werfe panisch die Türe
hinter mir zu und verkrieche mich in eine Ecke meines Zimmers. Du
stehst nur da, betrachtest mich. Du bist nicht real. Bist Du nicht,
sagen sie und dann berührt mich Deine Hand und ich schreie.
..und übrigens: Das
Witzige daran ist, dass du an diesen abgeschiedenen Orten vor denen
die Masse am meisten Angst hat, den wenigsten Menschen
begegnest. Aber weshalb kommst Du mich dann gerade hier
besuchen?
..zutreffend. Und dann treffen unsere Blicke sich und ich höre dich
verächtlich sagen „Wen zur Hölle hast Du bitte gemeint?!“. Es sind vor Verständnislosigkeit
sich mir durchdringend in mein Gedächtnis brennende Blicke, leere, traurige –
von Zeit zu Zeit wütende Blicke. Das Gesicht leicht verquollen und gerötet
sieht es mich an. Irgendwann wenden wir uns voneinander ab. Es ist genug. Licht
aus. Dunkelheit. Doch am nächsten Morgen steht er noch immer dort. Zeigt Spuren
der Abnutzung, hier und dort einen blinden Fleck und mir noch immer mein
Spiegelbild. Selbst Schuld.
Leere Worthülsen und fleißig erlernte Floskeln – wahrscheinlich aus einer Soap
aufgegriffen, lässig dahingerotzt. Sicherlich auch eine Form der modernen
Kunst. Und was wenn auch Deine selbstsichere nach Außen getragene Fassade in den
Pirouetten des gegnerischen Sturms in´ s Wanken gerät? Stehst Du dann stotternd
wie zum ersten Schultag vor Deinem dich um ein Zweifaches überragenden
Gegenüber und versuchst händeringend Land zu gewinnen?
..und übrigens: Wenn schon, dann
wenigstens zutreffend. Alles andere wirkt lächerlich, verzeih´.
Manchmal
bin ich ein emotionaler Dreckhaufen. Sowas wie ein sentimentales
Wrack das selbige scheinbar anzieht. Und wieder bleibt mir nichts
anderes übrig als zu rennen. Hinaus durch den Regen, hinein in die
Nacht. Das ist die Zeit zu der man keiner Seele mehr im Wald begegnet
und alleine stumm vor sich hin schreien kann. Steine und Äste landen
im Moorweiher über dem ein Dunst aus Nebel hängt in dem Schwalben und Fledermäuse Tauchen gehen. Hier ist keiner. Und wenn
doch, dann will ich ihn verdammt nochmal kennen lernen!
..und übrigens: Abtauchen. Leere spüren. Wasser sehen. Nichts sehen. Abschalten.
Gefühle
gehen vorüber. Immer. Drei Wochen die volle Dröhnung und ich bin wieder gesund.
Geheilt von dem Chaos meiner mir etwas vorgaukelnden Östrogene um die ich nicht
gebeten habe. Ist nur etwas unzuverlässig im zeitlich Allgemeinen und doch im
Grunde genommen völlig durchschaubar. Schön aber anstrengend und zu absolut und
überhaupt rein gar keinem Happy Ending führend. Niemals. Mieses Hollywood.
..und übrigens: Irgendwann hab ich vor lauter Suchen das Finden verpasst.
Ja fangen denn jetzt alle Männer das Menstruieren an? Oder kann mir wer das sich hier pockenhaft verbreitende Morbus Mimimi erklären? Vielleicht haben auch ein übermäßiger Konsum an Bier und Tiefkühlpizzen für eine derarte Verweiblichung des ach so viel härteren und stärkeren Geschlechtes gesorgt? Man weiß es nicht. Aber wenn das so weiter geht, hänge ich in Zukunft keine Unterwäsche mehr an die frische Luft zum Trocknen, da weiß frau ja nie..
..und übrigens:
Es kann sich schon überaus nervig gestalten, sich das Gezicke manch einer vor Östrogen übersprudelnden Frau anzuhören.. aber wenn jetzt auch noch die Männer damit anfangen? Wo kommen wir denn da hin??
Anbei ein wenig Männlichkeit, bitte, bedient Euch:
Ruhelos unter der
dicken Daunendecke begraben, wälze ich mich von der einen zur
anderen Seite der längst durchgelegenen Matratze und erhoffe mir
weiß Gott was für eine wundersame Wirkung davon. Ich kann nicht
aufhören zu Denken, nachzudenken über alles und jeden.
Rekonstruiere nicht geführte Gespräche und halte Zwiesprache mit
mir selbst. Seit Tagen rauben Gedanken und Vorwürfe mir meinen
Schlaf. Ich laufe unruhig durch den Tag, vom steten Schwingen einer Abrissbirne begleitet, die ohne Unterhalt gegen die Innenseite meines Schädelknochens zu hämmern scheint und beginne wie zuletzt in
Kindheitszeiten damit, nervös meine Gesichtsmuskulatur spielen zu
lassen.
Und da ist es
wieder. Wieder das eine, unaufhaltsam – gleich eines Aasgeiers
über seiner Beute - kreisende Wort: „Schlecht!“ Kontinuierlich
routiniert wie ein Ohrwurm der sich wochenlang festsetzt und
sämtlichen sich neu hinzu gesellenden Fremdeinflüssen trotzt.
Ist es egoistisch zu
nennen, anderen zu helfen, wenn man sich selbst dabei besser fühlt?
Tut man etwas wirklich und wahrhaftig selbstlos? Und - erzieht uns
die christliche Überzeugung mit ihrem Fabel für selbstlose Taten
nicht zwangsläufig zu heranwachsenden, potenziellen Burnout
Patienten?
Arbeit soll sich
endlich über die abstrusen Gefühle stellen, versuche durch
permanente Ablenkung zu verdrängen, was mich nachts zwangsläufig
wieder einholt und werde trotz allem das Gefühl nicht los, so Vielen
etwas schuldig zu sein. Diese Gedanken lassen sich nicht einfach fort
schieben, wie ein ausgedientes Möbelstück. Unaufhaltsam graben sie
sich Nacht für Nacht ihre Gänge in mein Bewusstsein und nisten sich
dort ein, wo ich ihnen gegenüber willentlich schon längst machtlos
bin. Sie sitzen lauernd in ihren Höhlen, tief unten in meinem Unterbewusstsein, höhnisch vor sich
hin kichernd. Also trete ich - wütend, dass ich so viel mehr tun
könnte – mich selbst in eine Vorstellung von mir, die mir nicht
gefällt und ich darf mich nicht einmal beschweren.
Und zeitgleich wird einem
auf silbernem Servierteller die Ansicht präsentiert und in den
Wunden Punkt gerieben, dass man dumm sei. Hättest es nicht
deutlicher ausdrücken können – Danke auch.
Suspekt?
Ich hab´s satt.
Will die Tabletten
gegen die Wand schmeißen und den penetrant in der Zeit vorwärts
drängenden Wecker gleich hinterher. Aber was bringt´s, außer ´ner
Delle und der Angst zu verschlafen?
Schlafen - zur
Abwechslung.
Nur ein wenig.
Das wäre schön.
...auf die
Frühschicht folgt eine spontane Nachtschicht. Jemand ist krank. Ist
okay, ist eh mein freies Wochenende. Es folgt eine ungeplante
Spätschicht. Jemand ist krank. Ist okay, ist eh mein freier Mittag.
Freizeit wird überbewertet. „In solchen Situationen haben Sie
persönliche Bedürfnisse nun mal hinten anzustellen.“
(wahrhaftig existenter, zurückliegender Wortlaut) Übermüdet lasse ich mich vom
Stadtverkehr in Richtung „Nach Hause“ tragen. Die Augenlider auf
Halbmast fahre ich rechts ran, will heute keine Bekanntschaft mehr
mit dem Gegenverkehr machen.
Und dann schlafe
ich. Endlich. Bis ein Anruf mich aus der Traumwelt reißt-
und schlaftrunken diesen entgegennehmen lässt: Ob ich nicht
einspringen könne, jemand sei krank, wäre das okay? Sei ja eh mein
freier Tag.
..und übgrigens:
Die tanzenden Schattengestalten neben meinem Bett könnten meine Freunde werden - sie haben´s mir heimlich zugeflüstert, mir versprochen.
Mei, diese schrecklich betrüblichen Züge von Herbstdepressionen! Und dabei habe ich doch gerade erst die Sommerträgheit hinter mir liegen lassen. Und davor die Frühjahresmüdigkeit! Und davor... Wo soll das hinführen? Die Weihnachtsplätzchen die sich nun seit Anfang des Monats schon wieder in die Kaufhausregale eingenistet haben, haben sich wie ein Algen-Tang-Plankton-Gedöns am Bug eines Schiffes an meinem Bauch festgesetzt und verzieren dort in ihrer nicht mehr ganz der ursprünglichen Sterne-Tannenbaum-Renntierform als einheitlich langgezogener Weichmassenklumpen meinen Rumpf. Hübsch. Kann man tragen - muss man aber nicht. Immerhin, noch schäkert die spärlich auftretende Sonne mit meinem Gemüt, während sie dabei so langsam in ihren tiefen Winterschlaf verfällt (eine kleine Freude gilt wenigstens dem Verschwinden der Sonnenallergie, die im Sommer besonders liebreizend mit meiner Haut umgeht..). Und während die goldenen Griffel sich ein letztes Mal verlockend aber trügerisch über´s Land verstreuen, friert einem beim motivierten ersten Schritt zur Türe heraus schon die Fußsohle nach wenigen Augenblicken mit der gepflasterten Hofeinfahrt zusammen. Gut, ich sehe ein, dass Barfußlaufen bei 5°C doch vielleicht nicht die geeignetste, den Umständen entsprechendste Kleidungsform darstellt, um mit der mir zu Füßen liegenden Bodenwelt in Kontakt zu treten. Nundenn, sitz´ ich halt barfüßig in´s von Sitzheizung und Heißluft zur Sauna umfunktionierte Auto, setz die getönte Sonnenbrille auf, lehn mich zurück und tu so als sei wieder Sommer.
..und übrigens:
Wenn ich den ganzen Tag schniefend, schneuzend im Bett vor mich hin vegetiere, ist mir ein nebliges, wolkenverhangenes Wetter lieber als strahlender Sonnenschein während ich arbeite und nicht hinaus kann.
..der die Melodie deines Herzens kennt und sie Dir vorspielt, wenn Du sie vergessen hast.
(A. Einstein) Und nun weinst Du jeden Tag. Jeden Morgen. Und ich laufe davon. Diese Verantwortung kann man nicht einfach abstreifen, ablegen wie einen ausgedienten Mantel. Sie ist uns angebunden, fließt durch unsere Adern, als Teil von uns. Sie muss es ausbaden - jeden Tag. Jeden Morgen. Und kann doch genauso wenig dafür wie Du. Hätten, könnten, sollten. Ich kenne die Antwort nicht. Ebenso wenig das Ende. Dass das Jetzt und Hier nicht auf Ewig so bestehen kann, immerhin das weiß ich. Ihr seid es die daran zerbrechen. Wir höchstens die Zuschauer auf den vordersten Plätzen, welche die auf die Leinwand projezierten Bilder anschreien, in der Hoffnung deren Verlauf zu beeinflussen und sich am Ende des Filmes fragen, warum die Nebenakteure nicht mehr gegeben haben. Alles gegeben haben. Dabei schuldbewusst an sich herab blicken. Und während wir noch den Heimweg antreten schreiten wir über unsere eigenen Leichen hinweg. Wieder versinken Tränen im Kaffee neben dem frisch aufgetauten, altbackenen Brot. Wieder sitzen sich zwei Stühle gedankenverloren schweigend gegenüber. Du, schweigend vor Ängstlichkeit und Trauer. Sie, schweigend vor Kummer und Sorge - um Dich. Wir, die Vorderste-Reihe. Ein geschworener, köpfeschüttelnder Kreis aus Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Angst. Warst nicht Du es der uns stets Optimismus lehrte? Bist nicht Du eine Hälfte unseres Lebens, die uns mit einem so wundervollen Beginn beschenkte? Schweigend oder sprechend stehen wir hier, sind da. Und.. wenn Euer Optimismus versiegt ist, dann sollt ihr die Hälfte eines jeden von uns bekommen.
..und übrigens:
Verberge, was für anderer Augen nicht bestimmt ist. Blinzle durch die Dunkelheit hindurch nach Draußen und weiche zurück, weil ich sehe. Verstecke vor Scham und Schuldgefühlen das Gesicht erneut in meinen Händen.
Aber irgendwann hör ich sie wieder - die leise Melodie. Nie fort gewesen, nur eben leiser.